Swantje Schendel: Rede zu Schutz für Kinder in den sozialen Medien stärken (Antrag SPD/GRÜNE)
TOP 36 – Rot-grüner Antrag zu KidFluencern
- Es gilt das gesprochene Wort -
Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Schultag? Ein besonderer Moment, den viele von uns nie vergessen. Ein Tag, an dem das Kind stolz seine Schultüte präsentiert – ein Symbol für den Eintritt in eine neue Lebensphase. In vielen Familien wird dieser Tag mit viel Liebe und Hingabe gefeiert, oft wochenlang vorbereitet.
Ich habe viele solcher Feiern und ihre Vorbereitung miterlebt: Mütter, die Schultüten selbst basteln, die Diskussionen über die richtige Farbe des Schulranzens, das Überlegen, welche Marken besonders gut für die schmalen Rücken der Kinder geeignet sind. Manchmal sah ich diese Momente auf Fotos, manchmal auch in Videoaufnahmen. Manchmal war ich sogar live bei der Einschulungsfeier dabei. Und ich war nicht die einzige – oft waren hunderte, wenn nicht tausende Menschen dabei.
Dabei kenne ich diese Familien und Kinder nicht persönlich. Aber ich habe das Gefühl, ich tue es, denn viele dieser Kinder sind für mich online „aufgewachsen“. Sie sind Teil des sogenannten „Family-Blogger“-Phänomens, auch bekannt als „Momfluencer“. Während man solche Blogs vor zehn Jahren nur aus den USA kannte, gibt es mittlerweile viele deutsche Influencer, die mit der Vermarktung ihres Familienlebens Geld verdienen.
Besondere Ereignisse wie die Einschulung oder Geburtstagsfeiern liefern dabei besonders hohe Interaktionszahlen, was zu besser bezahlten Kooperationen führt.
Wenn ich heute Videos von solchen Momenten sehe, frage ich mich, wie oft die Szene wiederholt wurde, bis sie „perfekt“ war. Wie oft musste Leni also die Treppe hinunterlaufen und staunend auf die Geburtstagstorte blicken, bis die Aufnahme wirklich stimmt? Wie oft wurde gefilmt, damit wir die Szene aus verschiedenen Perspektiven beobachten können? Wenn wir solche Videos sehen, denken wir selten daran, dass diese Kinder nicht einfach spielen, sondern in einer inszenierten Werbewelt arbeiten.
Und genau hier liegt das Problem. Im Gegensatz zu Theaterproduktionen oder Filmaufnahmen, bei denen klare gesetzliche Regelungen und Jugendschutzbestimmungen existieren, gibt es im Bereich der Familieninfluencer noch keinerlei wirksame Schutzmechanismen. Während Kinder und Jugendliche, die in der Film- und Theaterwelt tätig sind, strengen Regelungen unterliegen – von Arbeitszeiten bis hin zu einer pädagogischen Begleitung – gibt es für Kinder, die als Teil des Familiencontents agieren, keinerlei rechtliche Absicherung. Das müssen und das wollen wir nun ändern!
Die Kinderrechtsorganisation Terre des hommes hat in ihrem Bericht 2024 aufgedeckt, dass die Arbeit von Familieninfluencern eine Vielzahl von Gefahren für die Kinder birgt: Sie können in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden, erleben Bindungsstörungen, ihre Sicherheit ist gefährdet und ihre Privatsphäre wird mitunter massiv verletzt.
Auch das Deutsche Kinderhilfswerk warnte bereits 2019 vor ähnlichen Risiken. Und ein Gutachten im Auftrag von Campact und des Kinderhilfswerks belegte im vergangenen Jahr, dass die Veröffentlichung von Fotos und Videos von Kindern in sozialen Medien das Kindeswohl gefährden kann. Besonders die Darstellung emotionaler Ausnahmesituationen wie Angst, Scham oder Traurigkeit stellt einen massiven Eingriff in die Privatsphäre des Kindes dar, leider ist dies aber alltäglich.
Heute haben wir die Chance, dem etwas entgegenzusetzen. Wir können den rechtlichen Rahmen so gestalten, dass Kinder vor Ausbeutung und der Verletzung ihrer Privatsphäre in sozialen Medien besser geschützt werden. Und es ist an der Zeit, dass wir diese Verantwortung übernehmen, denn auch in den sozialen Netzwerken haben Kinder ein Recht auf Schutz vor Ausbeutung und Achtung ihrer Privatsphäre!
Unser Antrag fordert daher, dass wir das Jugendarbeitsschutzgesetz so anpassen, dass auch der Bereich des Influencer-Marketings klar geregelt wird. Wir wollen eine pädagogische Begleitung und die Aufklärung über die Rechte von Kindern stärken. Zudem soll ein Teil der Einnahmen vom Influencer-Content auf ein Konto für das Kind hinterlegt werden. Vorbild sind für uns entsprechende Regelungen aus Frankreich. Es geht um den Schutz der Privatsphäre und des Kindeswohls – auch im digitalen Raum.
Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass Kinder in der Welt der sozialen Medien nicht ohne Schutz dastehen. Dieser Antrag ist dabei hoffentlich nur der Anfang. Ich hoffe, dass Sie uns unterstützen, damit wir dieses wichtige Thema weiter vorantreiben und letztlich einen echten Wandel erreichen können. In diesem Sinne freue ich mich auf die Ausschussberatungen.
Vielen Dank!